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deutsche_eisenbahnen_151ff

'Geschichte und Geographie der Deutschen Eisenbahnen von ihrer Entstehung bis auf die Gegenwart'

Arthur von Meyer, Berlin 1891

— Seiten 151 ff —


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Die auf königlich sächsischem Gebiet gelegenen Eisenbahnen hatten ult. März 1889 eine Ausdehnung von 2344,85 km.

Hiervon entfallen auf:

{Seite 151 mit Tabelle fehlt noch}

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{20&fett}Herzogthum Sachsen-Altenburg.

{fett}Geographie.} 1324 qkm mit 163 500 Einwohnern. 164,63 km Eisenbahnen, mithin auf 100 qkm 12,44 km.

Das Herzogthum besteht aus zwei ungefähr gleich grossen Theilen, dem Ostkreise, auch Altenburger Kreis oder Osterland genannt, und dem Westkreise, auch Eisenbergischer oder Saalkreis, sowie aus mehreren kleinen Exclaven.

Der erstere ist noch zum Tiefland zu rechnen, zeigt aber bereits wellige Formationen; er wird in der Richtung von Süden nach Norden von der Pleisse durchflossen und ausserdem von zahlreichen kleinen Nebenflüssen dieser bewässert.

Der Westkreis liegt auf dem Thüringer Walde, ist ein reich bewaldetes Bergland und wird von der Saale nebst ihren Nebenflüssen Orla und Roda durchströmt.

Obst-, Ackerbau und Viehzucht sind besonders im Ostkreise hoch entwickelt; im Westkreise sind Waldungen vorherrschend. In jenem liegen die grossen Braunkohlenreviere von Meuselwitz und Rositz, welche weit über den lokalen Bedarf liefern und eine reiche Ausfuhr gestatten; im Westkreise bildet Gewerbe und Industrie die hauptsächlichen Nahrungszweige, besonders in Porzellan-, Glas-, Tuch- und Wollwaarenfabrikation, Gerberei und Strumpfweberei.

Hauptstadt und Residenz ist Altenburg, im Ostkreise gelegen, gleichzeitig der bedeutendste Handelsplatz des Herzogthums mit ansehnlicher Industrie.

{fett}Historische Entwickelung des Eisenbahnwesens.} Abgesehen von den Gebieten der freien Städte erfreut sich das Herzogthum Sachsen-Altenburg unter allen deutschen Ländern nächst dem Königreich Sachsen des relativ dichtesten Bahnnetzes.

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Es verdankt dies neben seiner günstigen Lage an der alten Leipzig-Nürnberger Handelsstrasse einerseits sowie zwischen dem mächtigen Zwickauer Kohlenrevier und dem industriereichen Thüringen andererseits und neben dem eigenen Besitz von Kohlengruben der grossen Fürsorge der herzoglichen Regierung, welche alle ihren Landen zu Gute kommenden Eisenbahnunternehmungen soweit irgend erforderlich finanziell theils durch Betheiligung am Anlagecapital, theils durch Zinsgarantien unterstützte und förderte.

Das Herzogthum wird von neun verschiedenen Eisenbahnlinien durchzogen, von welchen im Lauf der Zeit vier durch Kauf in dem Besitz des königlich sächsischen Staats vereinigt sind. Besonders reich bedacht mit Eisenbahnen ist der Ostkreis. Derselbe erhielt unter Berührung der Hauptstadt Altenburg den ersten Schienenweg bereits im Jahre 1842 in der Sächsisch-Bayerischen Eisenbahn Leipzig - Hof; dieser folgte 1865 die Gössnitz-Geraer Eisenbahn unter Berührung der beiden anderen wichtigsten Städte Schmölln und Ronneburg, dann 1872 die Altenburg-Zeitzer Eisenbahn zur Erschliessung des Rositzer und Meuselwitzer Kohlenreviers, 1874 die Leipzig-Gaschwitz-Meuselwitzer Eisenbahn zur directen Abfuhr der Meuselwitzer Kohle nach Leipzig, 1876 die Werdau-Weidaer Eisenbahn, welche allerdings das altenburgische Gebiet nur im äussersten Südwesten durchzieht, und 1887 die Eisenbahn Meuselwitz - Ronneburg, um dieser wichtigen Fabrikstadt die Meuselwitzer Kohle direct zuzuführen.

Der Westkreis erhielt trotz frühzeitiger Bestrebungen auch seitens der Regierung in Folge seines gebirgigen Charakters und des dadurch bedingten hohen Anlagecapitals den ersten Schienenweg erst 1874 in der Saal-Eisenbahn Grossheringen - Saalfeld, welche dem Lauf der Saale folgend den südlichen Theil dieses Kreises von Süden nach Norden durchzieht und die Städte Orlamünde und Kahla berührt. Dieser folgte 1876 die Weimar-Geraer Eisenbahn, welche über die Stadt Roda führend den Westkreis ungefähr in der Mitte von Westen nach Osten durchläuft. Den Schluss bildete in diesem Kreise die im Interesse der Fabrikstadt Eisenberg gebaute und 1880 eröffnete Eisenberg-Crossener Eisenbahn.

Die finanzielle Unterstützung und Förderung der Eisenbahnunternehmungen seitens der herzoglichen Regierung erstreckte sich auf die Sächsisch-Bayerische Eisenbahn durch Uebernahme von 900 000 Mk. in St.-Actien, auf die Gössnitz-Geraer Eisenbahn durch Uebernahme von 2 250 000 Mk. St.-Actien mit bedingtem Dividendenverzicht, auf die Altenburg-Zeitzer Eisenbahn durch Uebernahme von 600 000 Mk. St.-Actien, auf die Saal-Eisenbahn …

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… durch Uebernahme von 723 000 Mk. St.-Actien und Betheiligung an der seitens der interessirten Staaten gemeinschaftlich übernommenen Zinsgarantie für die Pr.- Obligationen, welch letztere jedoch nie pecuniäre Opfer erforderte und 1887 bereits erloschen ist, ferner auf die Weimar-Geraer Eisenbahn durch Uebernahme einer 4 1/2 procentigen, stets voll in Anspruch genommenen Zinsgarantie für die St.-Actien im Betrage von 9 000 000 Mk. bis 1886 zusammen mit den Regierungen des Grossherzogthums Sachsen-Weimar und des Fürstenthums Reuss j. L. [d.i. Fürstenthum Reuss jüngere Linie] und endlich auf die Eisenberg-Crossener Eisenbahn durch Uebernahme von 200 000 Mk. Actien als der Hälfte des ganzen Grundcapitals.

Die zuerst erwähnten Sächsisch-Bayerischen Eisenbahnactien und die der Gössnitz-Geraer Eisenbahn sind später, nachdem das Königreich Sachsen diese Bahnen erworben hatte, von diesem ebenfalls eingelöst worden. Die Meuselwitz-Ronneburger Eisenbahn ist auf Kosten der herzoglichen Regierung durch die königlich sächsische Staatsbahnverwaltung gebaut worden; sie ist also herzoglich altenburgische Staatsbahn, steht aber in pachtweisem Betrieb der letztgenannten Verwaltung.

Die Eisenbahnangelegenheiten sind dem herzoglich sachsen-altenburgischen Ministerium unterstellt.

Die auf herzoglich sachsen-altenburgischem Gebiet gelegenen Eisenbahnen hatten ult. März 1889 eine Gesammtlänge von 164,63 km.

Hiervon entfallen auf:

{Seite 153 mit Tabelle einfügen fehlt noch}

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{20&fett}Herzogthum Sachsen-Coburg-Gotha.

{fett}Geographie.} 1957 qkm mit 201 000 Einwohnern. 174,33 km Eisenbahnen, mithin auf 100 qkm 8,91 km.

Dies Land besteht aus zwei geographisch getrennten grösseren Theilen, dem Herzogthum Sachsen-Gotha und dem Herzogthum Sachsen-Coburg, sowie mehreren kleinen Exclaven.

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Die beiden grossen Theile liegen auf bezw. an dem Thüringer Walde.

Der nördliche Theil, das Herzogthum Gotha, wird von der Hörsel (Nebenfluss der Werra), deren Quellfluss Leina und deren Nebenfluss Nesse, sowie von der zum Unstrutgebiet gehörenden Apfelstädt und Ohre, und der südliche Theil, das Herzogthum Coburg, von der Itz (rechter Nebenfluss des Main) und deren Nebenfluss Rodach in ihrem obersten Lauf bewässert.

In den weniger gebirgigen Gegenden steht Ackerbau und Viehzucht in hoher Blüthe; circa ein Drittel des Landes ist Forstland. Der Bergbau liefert Steinkohlen, Manganerze und Salz, jedoch nur in geringen Quantitäten. Hauptindustriezweige bilden die Fabrikation von Holz-, Korb- und Marmorwaaren, Pfeifen, Glas, Kammgarn, Plüsch, Gewehren, Porzellan und Fleischwaaren.

Die Haupt- und Residenzstadt Gotha ist gleichzeitig der bedeutendste Handelsplatz, nicht allein des Herzogthums, sondern von ganz Thüringen.

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{fett}Historische Entwickelung des Eisenbahnwesens.} Die herzogliche Regierung hat von Anfang an den Eisenbahnbau in ihren Landen wesentlich gefördert, indem sie die Eisenbahnunternehmungen, welche coburg-gothaisches Gebiet berührten, mit Ausnahme von Arnstadt - Ichtershausen finanziell unterstützte, theils durch Betheiligung am Anlagecapital, theils dnrch Uebernahme von Zinsgarantien, theils durch beides.

Der nördliche Theil des Landes erfreute sich schon verhältnissmässig frühzeitig 1847 einer Eisenbahn in der Stammstrecke der Thüringischen Bahn, welche denselben in seiner ganzen Ausdehnung von Osten nach Westen unter Berührung der Hauptstadt Gotha durchzieht und, ungefähr in der Mitte desselben sich haltend, dem ganzen Landestheil gleichmässig zu Gute kommt. Diese Bahn hat ihr Entstehen wesentlich den interessirten Regierungen zu verdanken, indem diese sich mit nennenswerthen Beträgen an dem Anlagecapital betheiligten, so die herzoglich gothaische Regierung mit 1 620 000 Mk. Ausserdem unterstützte sie jene aber auch noch 1847 durch ein Darlehn von 1 200 000 Mk. Ebenso wurde die Herstellung der von der Thüringischen Eisenbahngesellschaft gebauten und 1870 eröffneten Zweigbahn Gotha - Leinefelde nur durch die herzogliche Regierung im Verein mit der preussischen ermöglicht durch Uebernahme einer 4 procentigen Zinsgarantie für das zu derselben erforderliclie Anlagecapital. Der auf das Herzogthum zu verrechnende Antheil desselben belief sich auf 4 497 060 Mk. und …

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… musste die Garantie alljährlich mit hohen Beträgen in Anspruch genommen werden; sie erlosch erst durch vertragsmässige Abwickelung bei Uebergang der Thüringischen Bahn in das Eigenthum des preussischen Staats, wobei die herzogliche Regierung unter Compensirung ihrer Forderung einerseits und ihrer Garantiepflicht andererseits dem Unternehmen gegenüber von Preussen die Summe von 4 800 000 Mk. erhielt.

Die von einer besonderen Gesellschaft gebaute und 1876 eröffnete Gotha-Ohrdrufer Eisenbahn unterstützte die herzogliche Regierung durch Uebernahme der vollen 4 1/2 procentigen Zinsgarantie für die bereits bei Gründung des Unternehmens ausgegebenen Pr.-Obligationen im Betrage von 1 000 000 Mk., sowie durch eine weitere Garantie für die Betriebsausfälle, welche der Regierung alljährlich ebenfalls schwere finanzielle Opfer auferlegten. Diese Bahn erwarb die herzogliche Regierung im Jahre 1885, indem sie für die St.-Actien im Betrage von 1 000 000 Mk. 5% = 50 000 Mark baar zahlte und die inzwischen auf 4% convertirten Pr.-Obligationen baar einlöste. Von der 1880 eröffneten, einer besonderen Actiengesellschaft gehörigen Ruhlaer Eisenbahn (Wutha - Ruhla) übernahm die herzogliche Regierung 60 000 Mk. Actien unter bedingtem Verzicht auf Dividenden bis 1892, so dass sie bis jetzt solche noch nicht erhalten hat.

Trotz der grossen pecuniären [d.h. 'finanziellen', 'geldlichen'; nach lateinisch 'pecunia' für Geld] Opfer, welche die herzogliche Regierung im Interesse ihrer Lande durch diese Unterstützungen der Privatbahnunternehmungen erlitt, liess sie es hierbei doch nicht bewenden, sondern baute 1876 auf Staatskosten eine Eisenbahn von Fröttstädt (Station der Thüringischen Stammbahn) über Waltershausen nach dem bekannten Badeorte Friedrichroda, unter Benutzung der ebenfalls staatlicherseits schon 1848 erbauten Pferdebahn Fröttstädt - Waltershausen.

Endlich liegt noch die Endstrecke der 1885 eröffneten Eisenbahn Arnstadt - Ichtershausen in dem nördlichen Theile des Herzogthums, indess war bei dieser ein finanzielles Eingreifen der Regierung nicht erforderlich.

Der südliche Theil, das Herzogthum Coburg, gehört dem Gebiet der 1858 eröffneten Werrabahn an. Auch bei dieser wurde das Zustandekommen erst durch die finanzielle Hülfe der betheiligten Regierungen ermöglicht, und es übernahm die herzoglich coburg-gothaische Regierung Actien im Betrage von 1 500 000 Mk., sowie im Verein mit den Regierungen von Sachsen-Weimar und Sachsen-Meiningen auf die Dauer der ersten 10 Betriebsjahre bis 1868 eine 4 procentige Zinsgarantie für das Gesammtanlagecapital von …

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… 24 000 000 Mk., auf Grund deren sie ebenfalls alljährlich mit Zuschüssen eintreten musste.

Ist schon aus dem Vorstehenden ersichtlich, wie die herzogliche Regierung kein Opfer scheute, ihrem Lande ein ausgedehntes Eisenbahnnetz zu geben, so erhält dies einen weiteren Beweis aus dem im Jahre 1887 mit der preussischen Regierung abgeschlossenen Staatsvertrage, inhaltlich dessen sie ihre beiden eigenen Staatsbahnen Gotha - Ohrdruf und Fröttstädt - Friedrichroda ohne weitere Entschädigung lasten- und schuldenfrei per 1. April 1889 an Preussen zu vollem Eigenthum überliess gegen die Verpflichtung seitens des letzteren zum Bau und Betrieb der folgenden vier neuen Bahnlinien im Herzogthum Gotha: Ohrdruf - Gräfenroda, Georgenthal - Tambach, Ballstädt - Herbsleben, Bufleben - Grossenbehringen mit zusammen 58,4 km, und event. noch einer Linie von Schnepfenthal nach Georgenthal. Eine weitere Ausdehnung erfährt das Bahnnetz des Herzogthums noch durch die 1887 seitens Preussens zur Ausführung beschlossene Staatsbahnstrecke Zella-Mehlis - Kleinschmalkalden.

Die Eisenbahnangelegenheiten sind in Gotha dem herzoglichen Staatsministerium Departement III, in Coburg der dortigen Ministerialabtheilung unterstellt.

Die auf herzoglich sachsen-coburg-gothaischem Gebiet gelegenen Eisenbahnen hatten ult. März 1889 eine Gesammtlänge von 174,33 km. Hiervon entfallen unter Berücksichtigung des per 1. April 1889 vereinbarten Uebergangs der herzoglich gothaischen Staatsbahnen Gotha - Ohrdruf und Fröttstädt - Friedrichroda in den Besitz des preussischen Staats auf:

{Seite 156 mit Tabelle einfügen fehlt noch}

{20&fett}Herzogthum Sachsen-Meiningen.

{fett}Geographie.} 2468 qkm mit 219 000 Einwohnern. 231,00 km Eisenbahnen, mithin auf 100 qkm 9,35 km.

Das Herzogthum besteht aus einem langen, halbkreisförmigen Haupttheil im Süden Thüringens und aus 13 zwischen den anderen thüringischen Staaten zerstreut liegenden Exclaven, von denen die …

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… Exclaven Kranichfeld und Camburg, beide nordöstlich des Haupttheils gelegen, die grössten und wichtigsten sind.

Der Hauptfluss des Landes ist die Werra; dieselbe durchströmt den Westen in seiner ganzen Ausdehnung von Südosten nach Nordwesten. Der Osten wird von der Saale und von der Steinach, einem Nebenfiuss des Main, durchflossen. Die Exclave Kranichfeld liegt an der Ilm und die Exclave Camburg ebenfalls an der Saale.

In orographischer Beziehung [d.i. die 'Orografie', ein Spezialgebiet innerhalb verschiedener Geowissenschaften, das sich mit Höhenstrukturen auf der natürlichen Erdoberfläche, dem Verlauf und der Anordnung von Gebirgen sowie den Fließverhältnissen der Gewässer befasst; von griechisch 'oros' für 'Berg' und griechisch 'grapia' für 'zeichnen', 'schreiben'] gehört das Land westlich von der Werra dem Rhöngebirge und östlich von derselben dem Thüringer Walde an. Auch die Exclaven sind sämmtlich gebirgig und liegen theils auf dem Rhöngebirge, theils auf dem Thüringer Walde.

Ungefähr der dritte Theil von der Gesammtfläche des Herzogthums ist mit Waldungen bestanden. Bei dem gebirgigen Charakter des Landes ist der Ackerbau beschränkt und deckt, obgleich er in den Flussthälern hervorragend gut entwickelt ist, nicht den eigenen Bedarf, so dass die Einfuhr von Getreide erforderlich ist. Im nordwestlichen Theil bei Wasungen wird in beträchtlichen Mengen Tabak gebaut. Die Viehzucht steht auf hoher Stufe. Der Bergbau liefert hauptsächlich Eiseneize, in geringeren Quantitäten aber auch Steinkohlen; im Thüringer Walde wird Schiefer, Marmor, Porzellan- und Farberde sowie bei Salzungen an der Werra im äussersten Nordwesten des Herzogthums Salz gewonnen.

Ausser dem mit dem Bergbau in Verbindung stehenden Hüttenwesen erstreckt sich die Industrie besonders auf die Verfertignug feiner Holzwaaren (Sonneberger Artikel) mit Ausfuhr bis nach Amerika, auf Tuch- und Wollwaarenfabrikation, Lederbereitung, Papiermaché-, Porzellan-, Glas- und Spiegelfabriken.

Haupt- und Residenzstadt ist Meiningen, der bedeutendste Iudustrieplatz aber Sonneberg.

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{fett}Historische Entwickelung des Eisenbahnwesens.} Bereits 1841 bei Abschluss des Staatsvertrages über die Herstellung einer Eisenbahn von Halle nach Cassel wurde von den betheiligten Regierungen auch der Bau einer Eisenbahn aus dieser heraus südlich durch das Werrathal über Meiningen bis an die gleichfalls bereits proiectirte „Bayerische Ludwigs-Süd-Nordbahn“ (Augsburg - Bamberg - Hof) als Verbindungslinie zwischen dem norddeutschen und süddeutschen Bahnnetz ins Auge gefasst. Nachdem die Ausführung der Linie Hallo - Cassel in der „Thüringischen“ und der Kurfürst-Friedrich-[Wilhelms-Nordbahn] …

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… [Kurfürst-Friedrich-]Wilhelms-Nordbabn (Halle - Eisenach - Cassel) sowie die der Bayerischen Ludwigs-Süd-Nordbahn gesichert war, vereinigten sich die Regierungen der auf der westlichen Seite zwischen diesen beiden Linien gelegenen thüringischen Staaten, das Grossherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach und die Herzogthümer Sachsen-Meiningen und Sachsen-Coburg zur Erstrebung der gedachten Bahn durch das Werrathal von Eisenach bis Coburg und von da nordöstlich nach dem wichtigen Industrieort Sonneberg, während der Weiterbau von Coburg südlich nach Bayern hinein mit der königl. bayerischen Regierung vereinbart wurde, und bei dieser Bahn war der geographischen Lage nach gerade das Herzogthum Meiningen am meisten interessirt. Bei dem gebirgigen Charakter des in Frage kommenden Landstrichs und der beträchtlichen Länge der Bahn mussten sich die Anlagekosten für dieselbe höher stellen, als den Budgets der drei Staaten auferlegt werden konnte, und deshalb die Verwirklichung des Projectes der Privatindustrie überlassen bleiben; das schliessliche Zustandekommen der Bahn ist aber doch nur den drei genannten Regierungen zu verdanken. Das Privatcapital wandte sich nämlich dem Unternehmen nur mit ganz unzulänglichen Summen zu, da bereits eine Enttäuschung über die vermeintliche Rentabilität der Bahnen im Allgemeinen eingetreten war und die politischen Ereignisse des dazwischen liegenden Jahres 1848 [d.i. die 'Märzrevolution', eigentlich 'Deutsche Revolution' zwischen März 1848 und Spätsommer 1849 im 'Deutschen Bund'] mit seinen Nachwehen auf Handel und Wandel lasteten. Um jenes besser in Fluss zu bringen, übernahmen nun die Regierungen vorerst zusammen eine Garantie von 4% für das veranschlagte Anlagecapital von 24 000 000 Mk., betheiligten sich dann aber, da trotz dieser die Actienzeichnungen bei Weitem noch nicht genügten, auch noch mit ansehnlichen Beträgen an dem Anlagecapital selbst, und zwar übernahm das Herzogthum Meiningen ebenso wie jeder der beiden anderen Staaten 1 500 000 Mk. Aber auch alles dies genügte noch nicht, und nun griff in letzter Stunde Se. Hoheit der damals regierende Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen durch Uebernahme von 1 950 000 Mk. Actien für Höchstseine eigene Person helfend ein. So gebührt gerade Sachsen-Meiningen das unbestrittene Verdienst, den Bau der Werrabahn ermöglicht zu haben. In derselben erstand dem Herzogthum 1858 der erste Schienenweg, welcher den Westen des Landes in seiner ganzen Ausdehnung von Norden nach Süden durchzieht, und es bildet dieselbe noch heute die wichtigste Verkehrsstrasse des Herzogthums.

Der Osten des Landes musste unvergleichlich länger der Segnungen eigener Schienenwege entbehren, denn erst mit Concession von 1868 und Eröffnung in 1871 trieb die Thüringische Eisenbahn[gesellschaft] …

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… [Thüringische Eisenbahn]gesellschaft ihre Linien von Gera aus westlich in das Herzogthum über Pössneck und Saalfeld bis Eichicht vor, aus welcher Linie heraus dann mit Eröffnung in 1874 von einer besonderen Gesellschaft die Saal-Eisenbahn Saalfeld - Grossheringen gebaut wurde, welche auch die Exclave Camburg durchschneidet. Auch diese beiden Unternehmungen wurden von der herzoglichen Regierung nachdrücklich unterstützt. Bei dem ersteren übernahm sie zusammen mit den anderen betheiligten Regierungen eine 3 1/2procentige Zinsgarantie für das ganze erforderliche Anlagecapital und bei dem letzteren für sich selbst 550 000 Mk. St.-Actien sowie, ebenfalls in Gemeinschaft mit den anderen in Frage kommenden Staaten, die volle Zinsgarantie für die erforderlich gewordene Anleihe. Die erstgedachte dieser Linien, die Gera-Eichichter Zweigbahn, brachte dem Lande eine directe Schienenverbindung mit dem Königreich Sachsen, besonders mit der Handelsmetropole Leipzig und dem Zwickauer Kohlenrevier; die Saal-Eisenbahn andererseits stellt eine directe Verbindung nach dem nördlichen Thüringen her.

War das Zustandekommen der vorgenannten drei Privatbahnunternehmungen dem Eingreifen der betheiligten Regierungen, und ganz besonders der des Herzogthums Sachsen-Meiningen zu verdanken, so trat die herzogliche Regierung so weit als erforderlich auch selbst als Eisenbahnunternehmer auf. Behufs Verbindung ihrer Hauptstadt mit dem Bahnnetz des westlichen Bayerns vereinbarte sie mit der königl. bayerischen Regierung die Herstellung der Linie Meiningen - Schweinfurt und übernahm hierbei die Ausführung des auf ihr Gebiet entfallenden Theils von der Stadt Meiningen bis an die bayerische Grenze bei Mellrichstadt auf eigene Staatskosten; diese Linie wurde 1874 dem Verkehr übergeben.

Nachdem der preussische Staat die Thüringische Eisenbahn und mit ihr die Zweigbahn Gera - Eichicht zu Eigenthum erworben hatte, verlängerte er die letztere in Gemeinschaft mit der bayerischen Staatsbahnverwaltung von Eichicht südlich über Probstzella bis an die bayerische Staatsbahnlinie Nürnberg - Bamberg - Hof, wobei die in Meiningen gelegene Theilstrecke seitens Preussens hergestellt worden ist. Auf diese Weise ist der Osten des Herzogthums in den Bereich dieser neuen 1885 eröffneten Durchgangslinie Berlin - München gezogen. Ferner baute Preussen von Plaue aus (südlich von Erfurt) über Grimmenthal nach Ritschenhausen (Station an der meiningischen Staatsbahnstrecke Meiningen - Mellrichstadt). Diese 1884 eröffnete Linie erbringt wiederum für den Westen des Herzogthums eine beträchtliche Abkürzung in nordöstlicher Richtung nach Leipzig, Halle und Berlin.

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Bei dem gebirgigen Charakter des Landes und den dadurch bedingten hohen Anlagekosten der Eisenbahnen war gerade für das Herzogthum Sachsen-Meiningen die Einführung von Bahnen untergeordneter Bedeutung (Secundärbahnen) mit ihren erleichternden Vorschriften für Bau und Betrieb von wesentlicher Bedeutung, und es sind seitdem eine beträchtliche Anzahl solcher Bahnen in dem Herzogthum gebaut worden. Die meisten derselben fallen in das Gebiet der Werrabahn. Soweit sich die Gesellschaft dieser zur Ausführung derselben verstand, wurde sie wiederum gegebenen Falls von der herzoglichen Regierung durch Bewilligung von namhaften Beihülfen à fonds perdu [d.h. schenkungsweise, über nicht rückzuzahlenden Zuschuss], durch unentgeltliche Hergabe des verwendbaren fiscalischen Terrains und durch Baarvorschüsse mit nur bedingter Rückzahlung zu dem sonst noch erforderlichen Grunderwerb unterstützt.

Diejenigen ihr selbst noch erforderlich erscheinenden derartigen Zweigbahnen, zu deren Bau sich die Werrabahngesellschaft nicht verstehen wollte, baute die herzogliche Regierung auf Staatskosten. So entstanden seitens der Werrabahn gebaut 1886 die Zweigbahn Sonneberg - Lauscha und 1888 Immelborn - Liebenstein und Themar - Schleusingen. Von diesen ist nur die letztere ohne directe finanzielle Unterstützung seitens der herzoglichen Regierung geblieben, indem sie den lokalen Interessen der preussischen Stadt Schleusingen dient.

Auf Staatskosten sind resp. werden im Gebiet der Werrabahn die Zweigbahnen von Hildburghausen über Heldburg nach Friedrichshall und von Eisfeld nach Unterneubrunn hergestellt; von diesen ist die erstere bereits 1888 eröffnet, während die Fertigstellung der letzteren für Oktober 1889 bestimmt war.

Im äussersten Südosten ihres Staatsgebiets baute die Regierung ebenfalls auf eigene Kosten im Interesse der bedeutenden Schieferbrüche bei Lehesten eine Zweigbahn von dort nach der bayerischen Staatsbahnstation Ludwigstadt südlich von Probstzella.

Ausser den vorgenannten Zweigbahnen gehen von der Werrabahn noch die 1874 erötfnete Linie Wernshausen - Schmalkalden und die 1879 eröffnete Feldabahn (Salzungen - Vacha - Kaltennordheim) aus. Die erstere ist von der preussischen Stadt Schmalkalden und die letztere von der grossherzoglich weimarischen Regierung gebaut worden.

Von lokaler Wichtigkeit für die im äussersten Nordosten gelegene industriereiche Stadt Pössneck ist die von der Saal-Eisenbahngesellschaft unternommene Zweigbahn Orlamünde - Pössneck, deren Eröffnung auf Oktober 1889 vorgesehen war.

Endlich sind hier noch die 1876 eröffnete Weimar-Geraer Bahn und die in demselben Jahre eröffnete, jetzt im Besitz des …

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… sächsischen Staats stehende Werdau-Weidaer Eisenbahn zu erwähnen, indem dieselben, wenn auch nur auf geringe Länge, meiningische Exclaven berühren.

Die Eingangs besonders genannte Exclave Kranichfeld gehört zum Verkehrsgebiet der grossherzoglich weimarischen Staatsbahn Weimar - Berka - Blankenhain - Kranichfeld; dieselbe reicht jedoch nicht auf meiningisches Gebiet herüber, sondern endet in dem weimarischen Antheil der Stadt Kranichfeld.

Wie in Vorstehendem einzeln entwickelt, hatte die herzogliche Regierung für die Werrabahn, für die Gera-Eichichter Zweigbahn und für die Saal-Eisenbahn Zinsgarantien übernommen. Die beiden ersteren haben der Regierung alljährlich bedeutende Opfer auferlegt; die für die Werrabahn ist jedoch 1868 vertragsmässig erloschen, und von der für die Gera-Eichichter Zweigbahn hat sich die Regierung beim Uebergang der Thüringischen Bahn an den preussischen Staat im Jahre 1882 durch Zahlung einer einmaligen Ablösungssumme von 700 000 Mk. befreit. Diejenige für die Saal-Eisenbahn ist dagegen nie in Anspruch genommen worden und inzwischen 1887 vertragsmässig auch bereits erloschen.

Ein eigener staatsseitiger Betrieb besteht in Meiningen nicht; die Linien Meiningen - Grenze bei Mellrichstadt und Lehesten - Ludwigstadt werden von der bayerischen Staatsbahnverwaltung betrieben, während die Linien Hildburghausen - Friedrichshall und Eisfeld - Unterneubrunn einem Privatunternehmer pachtweise überlassen sind resp. werden.

Die Eisenbahnangelegenheiten sind dem herzoglichen Staatsministerium unterstellt.

Die im Herzogthnm gelegenen Eisenbahnen hatten ult. März 1889 eine Gesammtlänge von 231,00 km. – Hiervon entfallen auf:

{Seite 161 mit Tabelle fehlt noch}

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Eine weitere Ausdehnung erhält das Bahnnetz des Herzogthums noch durch die 1888 seitens Preussens zur Ausführung beschlossene Staatsbahnstrecke Arnstadt - Saalfeld.

{20&fett}Grossherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach.

{fett}Geographie.} 3595 qkm mit 317 000 Einwohnern. 399,88 km Eisenbahnen, mithin auf 100 qkm 11,12 km.

Das Grossherzogthum ist der grösste unter den thüringischen Staaten.

Es besteht aus drei voneinander getrennt liegenden grösseren Theilen und zwar dem Weimarischen Kreis in der Mitte, dem Eisenacher Kreis im Westen und dem Neustadter Kreis im Osten, sowie aus mehreren Exclaven innerhalb der preussischen Provinz Sachsen, dem Königreich Bayern und den anderen thüringischen Staaten.

Der Weimarische Kreis liegt auf der thüringischen Terrasse, auf welcher sich nördlich der Stadt Weimar der Kamm des grossen Ettersberges hinzieht. Er wird im Osten von der Saale, hauptsächlich aber in seiner ganzen Ausdehnung von Südwesten nach Nordosten von der Ilm (einem Nebenfluss jener) durchflossen.

Der in Richtung von Norden nach Süden langgestreckte Eisenacher Kreis liegt auf dem Thüringer Walde und dem Rhöngebirge, welche durch die Werra voneinander getrennt sind. Bewässert wird derselbe von der Werra und deren Nebenflüssen Felda, Ulster und Hörsel.

Der Neustadter Kreis liegt ebenfalls auf dem Thüringer Walde, welcher hier jedoch nur noch als Bergland von geringerer Höhe erscheint. Durchflossen wird derselbe im Osten von der weissen Elster mit der Weida und von der Orla, einem Nebenflusse der Saale.

Von den Exclaven ist die von Ilmenau besonders zu erwähnen, indem dieselbe das Bergwerkrevier des Grossherzogthums bildet und Steinkohlen, sowie Eisen, Braunstein und Salz liefert. Sie liegt auf dem Thüringer Walde, am oberen Lauf der Ilm, südwestlich des mittleren Haupttheils. Ausserdem sind ihrer räumlichen Ausdehnung wegen die Exclaven Allstedt und Ostheim zu nennen. Die erstere liegt nördlich des mittleren Haupttheils an der Unstrut und Helme und die letztere südlich des Eisenacher Haupttheils auf dem Rhöngebirge.

Der Boden ist nicht besonders ergiebig, der auf der Hohen Rhön gelegene südliche Theil des Eisenacher Kreises sogar direct [arm;] …

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… [direct] arm; dagegen sind die Forsten, welche ungefähr den vierten Theil des Landes bedecken, und besonders die auf dem Thüringer Walde werthvoll und ertragreich. Von der Viehzucht ist die Schafzucht hervorzuheben. Im Saalethal des östlichen Theils vom Weimarischen Kreise wird viel und vorzügliches Obst gewonnen.

Die Industrie erstreckt sich hauptsächlich auf Wollen-, Baumwollen- und Leinenweberei, Strumpfwirkerei [d.i. die durch Maschinen bewirkte Strickerei], Metall-, Porzellan- und Glaswaaren, sowie auf Pfeifenfabrikation [also Tabakspfeifen).

Haupt- und Residenzstadt ist Weimar. In gewerblicher Beziehung ist besonders auch Ruhla (welche Stadt halb zu Weimar und halb zu Meiningen gehört) und Ilmenau von Bedeutung.

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{fett}Historische Entwickelung des Eisenbahnwesens.} Wie die Regierungen der sämmtlichen thüringischen Staaten schon frühzeitig bemüht waren, ihren von der Natur reich gesegneten Ländern die Vortheile von Eisenbahnverbindungen zuzuwenden, und bis in die jüngste Zeit das Entstehen neuer Schienenwege erforderlichen Falls durch finanzielle Unterstützung gefordert haben, so besonders auch die des Grossherzogthums Sachsen-Weimar.

Seine Lande werden von fünfzehn verschiedenen Eisenbahnen durchzogen: neun derselben hat die Regierung durch Betheiligung am Anlagecapital, durch Zinsgarantien und Darlehen subventionirt und zwei derselben im volkswirthschaftlichen Interesse entlegener Gebietstheile, für welche sich bei weniger verlockenden Aussichten keine Privatunternehmer fanden, auf Staatskosten hergestellt; es sind dies die Feldabahn im Eisenacher Oberland und die Weimar-Berka-Blankenhainer Bahn im südwestlichen Theil des Weimarischen Kreises.

Der Zeit nach erste und der Bedeutung nach heute noch wichtigste Linie des Grossherzogthums ist die alte Stammstrecke der Thüringischen Bahn Halle - Weimar - Eisenach - Gerstungen. Dieselbe wurde bis Eisenach 1847 und die Reststrecke 1849 dem Betriebe übergeben. Sie durchzieht den Weimarischen Kreis von Osten nach Westen ungefähr in der Mitte, so dass sie von vornherein dem ganzen Kreise nutzbar wurde, während der Eisenacher Kreis allerdings nur in seinem nördlichsten Theile von ihr geschnitten wird. Diese Linie ist denn auch die Mutterbahn der ganzen thüringischen Lande geworden. Aus ihr hat sich, begünstigt durch die reiche Industrie und die Naturschönheiten Thüringens ebenso wie durch die Fürsorge des Landesfürsten ein enggemaschtes Schienennetz herausgebildet, welches sich, soweit es das gross[herzogliche] …

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… [gross]herzogliche Staatsgebiet betrifft, ganz besonders auf den Weimarischen Kreis concentrirt.

So entstand in diesem 1869 die Nordhausen-Erfurter Bahn, 1874 die Saal-Unstrutbahn (Grossheringen - Straussfurt) und die Saal-Eisenbahn (Grossheringen - Saalfeld), 1876 die Weimar-Geraer Eisenbahn, 1887 die Weimar-Rastenberger Eisenbahn und die Weimar-Berka-Blankenhainer Staatsbahn.

Für den Eisenacher Kreis bildete, wie vorstehend bereits angedeutet, gleichfalls die Thüringische Stammbahn den ersten Schienenweg; den zweiten erhielt derselbe 1858 in der Werrabahn (Eisenach - Coburg - Lichtenfels), doch kamen beide unmittelbar nur dem nördlichen Theile des Kreises zu Gute, welcher ausserdem 1880 in der Ruhlaer Eisenbahn noch einen dritten Schienenweg bekam. Der südliche Theil dieses Kreises, das Eisenacher Oberland, musste trotz der Bemühungen der Regierung noch lange einer Eisenbahn entbehren. Derselbe ist durchaus gebirgig und seine Bevölkerung arm, die Anlage einer Bahn musste deshalb mit hohen Kosten verbunden sein und bot keine Aussicht auf Rentabilität. In Folge dessen fand sich keine Privatgesellschaft für ein derartiges Unternehmen und auch die Regierung konnte mit Rücksicht auf ihre Finanzen zur Anlage einer solchen sich zunächst nicht entschliessen. Erst als die billigere Gattung der Secundärbahnen eingeführt war, erhielt auch dieser Landestheil 1880 in der auf Staatskosten ausgeführten Feldabahn die langersehnte Schienenverbindung. Dieselbe lehnt sich in Salzungen an die Werrabahn an und führt mit der einen Linie bis Vacha fast an der Westgrenze und mit der anderen aus dieser heraus von Dorndorf südlich bis Kaltennordheim.

Auch für den Neustadter Kreis, resp. für die Verbindung dieses mit dem mittleren Haupttheil des Grossherzogthums (Weimarischer Kreis) hatte man sich seitens der Regierung und der Privatinteressenten schon bald nach Eröffnung der Thüringischen Stammbahn um eine Eisenbahnverbindung in einer Linie von Weimar an die Sächsisch-Bayerische Bahn (Leipzig - Hof) bemüht; bei der in Folge der erheblichen Terrainschwierigkeiten erforderlichen hohen Bausumme gelangte dieses Project aber zuerst überhaupt nicht, und später in zwei getrennten Unternehmungen, der Gössnitz-Geraer und der Weimar-Geraer Eisenbahn, zu verschiedener Zeit zur Ausführung, doch wurde entgegen dem ersten Project der Neustadter Kreis von diesen Linien nicht berührt. Demselben war aber inzwischen 1871 in der Gera-Eichichter Zweigbahn der Thüringischen Eisenbahngesellschaft ein überaus günstiger Schienenweg erstanden, indem dieser, dem Lauf der Flüsse folgend, den Kreis fast in seiner ganzen Länge durchzog und …

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… hierbei die meisten Städte desselben berührte. In Anlehnung an diese Bahn wurde als selbstständiges Eisenbahnunternehmen 1876 die Sächsisch-Thüringische Ostwestbahn (Werdau - Weida) und 1883, von Weida ausgehend nach Süden, die sächsische Staatsbahnstrecke Weida - Mehltheuer (ursprünglich als Privatbahnunternehmen im Bau begonnen) eröffnet. Auch die Werdau-Weidaer Eisenbahn ist inzwischen in das Eigenthum des sächsischen Staates übergegangen.

Die, wie schon oben angegeben, wegen ihres Bergbaues sowie wegen des Badeortes Ilmenau wichtige Exclave gleichen Namens war 1877 durch die Zweigbahn Arnstadt - Ilmenau der Thüringischen Eisenbahn in das Schienennetz gezogen worden, welche Linie dann 1881/83 in einem selbstständigen Eisenbahnunternehmen südöstlich nach Gehren und Grossbreitenbach Fortsetzung fand.

Die Allstedter Exclave erhält demnächst in der von Preussen 1889 beschlossenen Linie Oberröblingen - Allstedt ihren ersten Schienenweg, während die von Ostheim eines eigenen solchen wohl noch auf längere Zeit entbehren dürfte; dieselbe gehört zum Verkehrsgebiet der bayerisch-meiningischen Staatsbahnstrecke Schweinfurt - Meiningen.

Wie schon Eingangs angeführt, gewährte die grossherzogliche Regierung, soweit erforderlich, allen ihren Landen zu Gute kommenden Eisenbahnunternehmungen finanzielle Unterstützung und zwar:

a. {Der Thüringischen Eisenbahngesellschaft} zur Stammstrecke durch Uebernahme von 2 700 000 Mk. St.-Actien und durch ein besonderes Darlehen von 1 800 000 Mk., zur Gera-Eichichter Zweigbahn durch Uebernahme einer 3 1/2procentigen Zinsgarantie zusammen mit den anderen betheiligten Regierungen für das gesammte Anlagecapital dieser im Betrage von 18 000 000 Mk. St.-Actien Lit. C, und für die Zweigbahn Arnstadt - Ilmenau durch eine Subvention à fonds perdu [d.h. schenkungsweise, über nicht rückzuzahlenden Zuschuss] von 312 500 Mk. Die vorerwähnte Zinsgarantie für die Gera-Eichichter Zweigbahn wurde alle Jahre in hohen Beträgen in Anspruch genommen und blieb in Kraft bis zum Uebergang der Thüringischen Bahn in das Eigenthum des preussischen Staates, wobei die grossherzogliche Regierung für ihre Actien sowie zur Ablösung der ihr zustehenden Eisenbahnsteuer einerseits und unter Aufhebung ihrer Garantiepflicht andererseits 7 500 000 Mk. erhielt.

b. {Der Saal-Unstrutbahn} durch Uebernahme von 120 000 Mk. St.-Actien, welche durch die Falliterklärung [d.i. früher übliches Wort für Zahlungsunfähigkeits-Erklärung; steht im Zusammenhang auch mit 'Falliment', dem Bankrott; lateinisch 'fallitus' für 'Zusammenlauf' (der Gläubiger)] der Gesellschaft gänzlich werthlos geworden sind. Die Bahn ging aber ohne jegliche Betriebsunterbrechung in das Eigenthum der Nordhausen-Erfurter Eisenbahn, und später als Theil dieser in das Eigenthum des preussischen Staates über.

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c. {Der Saal-Eisenbahn} durch Uebernahme von 900 000 Mk. St.-Actien und der vollen Zinsgarantie zusammen mit den anderen betheiligten Regierungen für eine Anleihe von 3 500 000 Mk., die letztere ist jedoch, ohne dass sie der grossherzoglichen Regierung jemals finanzielle Opfer auferlegt hätte, 1887 bereits erloschen.

d. {Der Weimar-Geraer Eisenbahn} durch verschiedene, inzwischen aber zurückgezahlte Darlehen und eine 4 1/2procentige Zinsgarantie zusammen mit den anderen betheiligten Regierungen für die St.-Actien im Gesammtbetrage von 9 000 000 Mk. Dieselbe erstreckte sich auf die ersten zehn Betriebsjahre bis incl. 1886 und ist alljährlich voll in Anspruch genommen worden.

e. {Der Weimar-Rastenberger Eisenbahn} durch Uebernahme von 200 000 Mk. St.-Actien.

f. {Der Werrabahn} durch Uebernahme von 1 500 000 Mk. St.-Actien sowie einer 4procentigen Zinsgarantie zusammen mit den anderen betheiligten Regierungen für 24 000 000 Mk. auf die ersten zehn Betriebsjahre bis incl. 1868; auch diese ist alljährlich in hohen Beträgen in Anspruch genommen worden.

g. {Der Ruhlaer Eisenbahn} durch Uebernahme von 60 000 Mk. St.-Actien mit nur bedingtem Dividendengenuss.

Die Feldabahn und die Weimar-Berka-Blankenhainer Eisenbahn sind, wie schon angegeben, Eigenthum des Staats, stehen aber nicht in staatsseitigem Betrieb, sondern sind pachtweise an Privatunternehmer überlassen. Die Eisenbahnangelegenheiten sind im Grossherzogthum dem Departement des Innern vom Staatsministerium unterstellt.

Die auf grossherzoglich sachsen–weimarischem Gebiet gelegenen Eisenbahnen hatten ult. März 1889 eine Gesammtlänge von 399,88 km.

Hiervon entfallen auf:

{Seite 166 mit Tabelle fehlt noch}



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